Interview

Beide haben Solo-Positionen im Sinfonieorchester St.Gallen inne, beide spielen Instrumente mit ganz besonderen Fallstricken und Herausforderungen, und beide interpretieren die Bläserpartien in Joseph Haydns Sinfonia concertante, die im Weihnachtskonzert auf dem Programm steht. Rosemary Yiameos und Michele Ruggeri trennen aber auch ganze 20 Jahre Orchestererfahrung. Zum Doppelinterview kamen die beiden direkt aus einer spontan einberufenen gemeinsamen Musizierstunde.
Was steht im Moment auf euren Notenständern? Wie viele neue Werke müsst ihr zur Zeit einstudieren?

Rosemary Yiameos: Ich würde ja sehr gerne wissen, was auf Micheles Notenst.nder steht (lacht). Bei mir die laufenden Musiktheaterwerke und zusätzlich die neuen Programme. Die Vorbereitung beginnt aber schon viel früher. Im Mai erhalten wir jeweils das Saisonprogramm. Ich gehe es dann durch und schaue, wo es fiese Stellen gibt, für die ich viel Zeit zum üben brauche, damit sie am Ende auch wirklich sitzen. Ich schaue also, wo die grossen Herausforderungen sind, die solistischen Stellen, aber auch die gemeinen Sachen ...

Was sind denn «gemeine Sachen»?

Rosemary Yiameos: Die Stellen kann ich nicht verraten!

Geht es da um Stellen, die technisch schwierig zu spielen sind?

Rosemary Yiameos: ... und um solche, die nicht optimal orchestriert sind, die also nicht gut "liegen" auf dem Instrument.

Michele Ruggeri: Es gibt für jedes Instrument auch Stellen, die berühmt sind für ihre Schwierigkeit. Deshalb weiss ich normalerweise bereits vorher, wo es besonders anspruchsvoll wird. Zum Beispiel in Carmina Burana, da wusste ich, dass ich ein gutes Rohr brauche ...

Und bei weniger bekannten Werken?

Michele Ruggeri: Uraufführungen wie Lili Elbe sind besonders interessant, da habe ich vorher keine Ahnung und muss zuerst die Noten durchblättern. Eine grosse Überraschung für mich war die Kinderoper Friederike. Ich sah erst in den Noten, dass es nur vier Bläserstimmen und viele technische Herausforderungen gibt. Da musste ich intensiv üben.

Ist es dir schon passiert, dass du nach der Vorbereitung mit einem guten Gefühl in die erste Probe gehst und dann sitzt du da und bist trotzdem überrascht?

Michele Ruggeri: Oh ja!

Rosemary Yiameos: Mir passiert das auch! Bei mir ist der Unterschied vielleicht, dass ich unterdessen so viel Respekt davor habe, weil ich weiss, was alles passieren kann. Andererseits habe ich über die Jahre ein Gefühl entwickelt: Wenn es in der ersten Probe gut geht, dann bleibt es gut bis zum Konzert – und umgekehrt, wenn es schon während den Proben nicht läuft, wenn etwas auch mit richtig viel üben einfach nicht so richtig will, dann kann es manchmal bis zum Schluss nicht passen.

Michele Ruggeri: Ja das kenne ich auch. Und im Moment ist es so, dass es wirklich kein "Relaxprogramm" gibt, alles ist sehr anspruchsvoll. Und wer denkt, im Orchestergraben könne man verschwinden, überhaupt nicht – dieser Graben im Grossen Haus, man fühlt sich, als würde man auf der Bühne sitzen! Aber ich habe meine Basics, spiele Etüden, um fit zu bleiben.

Fitnesstraining für Musiker:innen?

Rosemary Yiameos: Ja Basics sind so wichtig! Aber auf welche Art man diese Basis schafft, sich fit hält auf dem Instrument, das ist für jede:n ganz individuell. Ich zum Beispiel mache gar keine Etüden, ich komme nie über die ersten Töne hinaus. Bei uns ist das ja auch so eine Sache mit den Rohren, da ist es fast noch wichtiger, erst einmal ein gutes Gefühl für ein Rohr zu kriegen.

Michele Ruggeri: Tja die Rohre …

... über die müssen wir später unbedingt noch sprechen. Lasst uns aber erst noch einmal auf euren Arbeitsalltag zurückkommen: Ihr probt ein Stück bis zur Premiere, anschliessend studiert ihr ein Konzertprogramm ein, danach beginnen die Proben für das nächste Stück, während Stück 1 noch mehrere Wochen weiterläuft. Wie erinnert man sich an alles?

Rosemary Yiameos: Da ist wohl jede:r ganz anders. Ich zum Beispiel schaue mir die Noten vor jeder Aufführung wieder an, zumindest um mein Gewissen zu beruhigen (lacht). Nein im Ernst, es ist ja auch so, dass Opern meist lange dauern, man sich entsprechend lange konzentrieren muss, da ist die Vorbereitung um so wichtiger.

Michele Ruggeri: Ich gehe die Opern auch immer vorher durch, ab der dritten Vorstellung reicht dafür meist eine halbe Stunde im Orchestergraben. Bei Lili Elbe allerdings war ich viel früher da, und bei Carmina Burana wegen des Solos mindestens drei Stunden.

Kennt ihr Nervosität vor Auftritten?

Rosemary Yiameos: Klar, das hat sich bei mir nie geändert. Es ist ein gutes Gefühl, nervös zu sein und etwas zu leiden. Dann weiss ich, dass ich bereit bin. Wenn es anders ist, dann stimmt etwas nicht.

Michele Ruggeri: Ja, Nervosität kenne ich auch. Für mich war meine mehrmonatige Probezeit hier richtig stressig, da gab es so viele herausfordernde Programme, da war ich immer mindestens vier Stunden vorher in der Probe, darunter ging nichts. Wie gesagt, es gibt auch jetzt kein Programm zum Zurücklehnen, aber wenigstens ist meine Probezeit vorbei.

Rosemary Yiameos: Fühlst du dich jetzt besser?

Michele Ruggeri: Oh ja viel besser!

Im Weihnachtskonzert steht ihr zusammen mit Geiger Dmitry Smirnov und Kollege Fernando Gomes solistisch vor dem Orchester. Was überwiegt, Vorfreude oder Nervosität? Ihr macht das ja nicht jeden Tag …

Michele Ruggeri: Das stimmt, aber ich mag es fast lieber. Wenn ich im Orchester sitze und zum Beispiel Rosey ein superschönes Solo spielt, oder der Kollege von der Klarinette, oder von der Flöte – da will man nicht stören. Aber wenn du vorne bist, bist du vorne.

Rosemary Yiameos: Ich freue mich sehr darauf, aber die Nervosität kommt in Wellen. Wenn du da vorne stehst und plötzlich sitzt das ganze Publikum vor dir, da will man nicht überrascht sein, das übe ich aktiv.

Michele Ruggeri mit Material aus seiner Rohr-Werkstatt
Wie übt man denn so eine Situation?

Rosemary Yiameos: Man kann es sich gut vorstellen, und dann gibt es auch ganz konkrete Übungen, zum Beispiel Treppensteigen bis du es körperlich richtig merkst und dann: spielen. Ich trat ja während der Pandemie mit dem Orchester solistisch im Strauss-Oboenkonzert auf, da habe ich auch Mental Training gemacht, weil es viel weniger
Konzerte gab und die Gewohnheit einfach nicht da war.

Michele Ruggeri: Dazu habe ich auch eine schöne Geschichte: Wenn ich spielen muss, kriege ich meist einen trockenen Hals. Um Probespiele zu simulieren, ass ich vorher extra einen Cracker – einen wirklich trockenen!

Wir sprachen viel über die stressigen Seiten des Berufs – gibt es Dinge, die sich über die Jahre auch verändert haben und einfacher wurden?

Rosemary Yiameos: Bei mir ist es ganz klar die Freude an meinem Beruf und der Musik, die jeden Tag gr.sser wird. Tatsächlich dachte ich früher: Wer weiss, vielleicht langweilt es mich ja nach einigen Jahren. Aber
im Gegenteil, ich höre immer mehr, höre, was ich besser machen könnte. Es überrascht mich ehrlich gesagt selbst etwas, wie sehr ich es geniesse und liebe.

Michele, motiviert dich das, wenn du hörst, dass die Motivation nicht abgenommen hat über die Jahre?

Michele Ruggeri: Ja, sehr. In meinem Register haben die beiden Kollegen teilweise ja über dreissig Jahre Erfahrung!
"Geniess es", sagten die scherzhaft zu mir in meiner ersten Woche (lacht). Und das tue ich auch; das hier ist mein Traum, genau diese Arbeit wollte ich, und jetzt kann ich sie machen, ich kann nur Danke sagen.

Rosemary Yiameos: Genau, manchmal vergesse ich, dass es wirklich mein Traum war. Nur wenn die Rohre nicht mitmachen, dann leide ich ...

Dann lasst uns jetzt endlich über die Rohre sprechen. Rohre müsst ihr selber bauen und könnt sie nicht einfach kaufen ...

Rosemary Yiameos: ... trotz neuer Technologien, ja. Denn wir sind alle ganz anders gebaut (fasst sich an den Mund). Ich würde sie sofort kaufen, dann hätte ich mehr Zeit zum üben.

Wie viele Rohre braucht ihr für eine durchschnittliche Arbeitswoche?

Rosemary Yiameos: Ich mache im Schnitt fünf Rohre, für jede Probe ein anderes, davon sind dann vielleicht zwei wirklich gut. Die packst du dann in eine Schachtel und sagst: "Tschüss, bis zum Konzert". Das Risiko ist allerdings, dass sie es nicht schaffen bis zum Konzert und vorher sterben. Oboenrohre leben nur ca. 2–3 Dienste, das war’s.

Michele Ruggeri: Beim Fagott leben sie zum Glück etwas länger, aber auch nicht für eine ganze Opernproduktion ... Ich sehe Schnitte in euren Händen, kommen die vom Rohrebauen?

Rosemary Yiameos: Ja, man schneidet sich ständig. Für die letzten paar Schabungen muss das Messer wirklich sehr scharf sein, nur so schwingt das Holz gut. Ist es nicht scharf genug, kann man wieder von vorne anfangen.

Michele Ruggeri: Einmal hat mir meine Mutter sogar verboten, weiterhin selbst Rohre zu bauen, weil sie so erschrocken war über meine blutüberströmten Hände!

Rosemary Yiameos: Übrigens reagieren die Rohre ganz empfindlich auf Temperaturen und das Wetter. Dadurch können wir zum Beispiel während eines Dienstes im Theater merken, ob es draussen zu schneien begonnen hat, obwohl es keine Fenster gibt.

Vom Schilf- zum Oboen-Rohr (unten). Die Werkzeuge
(oben) gehören zu Rosemary Yiameos' Erste-Hilfe-Set
für Rohre, das sie in jeder Probe dabei hat.