Sinfonieorchester St.Gallen on tour

Ein Reisebericht von Sarah Schwedes

Unter der Leitung von Modestas Pitrėnas eröffnete das Sinfonieorchester St.Gallen als erster von neun Beiträgen das Vilnius Festival in der litauischen Hauptstadt. 2023 hatte das ebenfalls von Pitrėnas geleitete Litauische Nationale Symphonieorchester der Schweiz einen Besuch abgestattet – nun waren die musikalischen Kolleg:innen aus der Ostschweiz zu Besuch in Litauen, der Heimat des Chefdirigenten. Die Tour, welche die Musiker:innen erst nach Vilnius und dann nach Pažaislis führte, war zugleich die Abschiedstournee von Modestas Pitrėnas, der seit 2018 die Leitung beider Orchester innehatte.
Am Donnerstag, den 04. Juni 2026, startete also eine Maschine der Air Baltic von Kloten aus in Richtung Baltikum. An Bord: 62 Musiker:innen mitsamt ihren Instrumenten, diese mal im Gepäckfach, mal als Passagier mit eigenem Sitz und Boarding-Card. Manche dieser untypischen Gäste waren bei der Sicherheitskontrolle besonders kritisch beäugt worden – natürlich die Instrumente, nicht ihre Besitzer:innen.
Der Nachtflug verlief, von aeronautischen Standpunkten aus betrachtet, ruhig, während in der Kabine die Vorfreude deutlich spürbar war. Kaum gelandet, wurde das Orchester im fast menschenleeren Flughafen von einem Plakat begrüsst, welches das kurz bevorstehende Vilnius Festival ankündigte. Seit nunmehr fast 30 Jahren bringt das von Rūta Prusevičienė geleitete Vilnius Festival Künstler:innen aus ganz Europa auf die Bühnen der litauischen Hauptstadt. Das Vilnius Festival sei, so das Programmheft, eine „Lektion in Toleranz, Vertrauen und kreativer Zusammenarbeit“. Insofern ist das Festival nicht nur als Ort der kulturellen, sondern auch der internationalen, politischen Brückenbildung zu verstehen.

Nach wenig Schlaf aber schon ersten Eindrücken von der litauischen Hauptstadt wurde das Orchester herzlich von Rūta Prusevičienė und Suzanne Streit, der stellvertretenden Schweizer Botschafterin begrüsst. Die Gastfreundschaft war auch nach der Probe spürbar, als das Orchester mit einem reichhaltigen Angebot belegter Brötchen von den litauischen Gastgebern überrascht wurde.
Abends eröffnete dann das Sinfonieorchester St.Gallen in einem ausverkauften Saal das Festival: Eingeleitet wurde das Konzert mit dem Stück So klingt St. Gallen des Schweizer Komponisten Fabian Künzli. Neben ländlichen Klängen (etwa einem angedeuteten Alphorn, gespielt von Zoltán Holb hinter der Bühne) und einem eingängigen Motiv stechen in diesem Werk insbesondere Kaffeehaus-Szenen hervor, in denen sich die Musiker:innen während fröhlichem Geschirrklappern angeregt unterhalten – sehr zur Freude der litauischen Konzertbesucher:innen, die gleich mitmachen durften. Denn die Besucher:innen, darunter 70 nach Litauen entsandte Botschafter:innen, waren von Pitrėnas zu Beginn aufgefordert worden, Teil des Stückes zu werden und sich auf sein Zeichen hin ebenfalls zu unterhalten.
Mancher Leserin und manchem Leser wird das Stück vielleicht bekannt vorkommen, denn auch dieses wurde im Rahmen des 10. Tonhallekonzerts in St. Gallen gespielt, genauso wie das zweite Stück: The Ghost Machine Treatise.
Das Stück des schwedischen Komponisten Daniel Nelson ist für Akkordeon und Orchester komponiert. Die breite und ausgeklügelte Klangkulisse wird ausserdem durch eine E-Gitarre und einen E-Bass unterstützt. Die ‚Abhandlung von der Geistermaschine‘ – so könnte man den Titel übersetzen – weckt Assoziationen, die zwischen Industrialisierung und Digitalisierung hin- und herpendeln.
Auch bei diesem Programmpunkt wurde, ganz wie beim Stück Künzlis, der litauisch-schweizerische Austausch nochmals verstärkt: Der litauische Akkordeonspieler Martynas Levickis, der unter anderem bereits den Coupe Mondiale, die „Akkordeon-Weltmeisterschaft“ gewann, und einem breiten Publikum in Litauen bekannt ist, spielte wie bereits beim 10. Tonhallekonzert in St.Gallen das Akkordeon, das in diesem Opus mal im Einklang mit dem Orchester, mal im musikalischen Widerstreit zu diesem auftritt.
Den Abschluss des Programms bildete Beethovens 5. Sinfonie in c-Moll. Pitrėnas setzte dabei auf eine klare und stiltreue Interpretation, die Beethovens musikalische Sprache unmittelbar erlebbar machte. Insgesamt präsentierte das gewählte Programm nicht nur einen Querschnitt des künstlerischen Schaffens verschiedener europäischer Länder, Zeiten und Kulturen, sondern rief auch gegenwärtige Diskurse auf.
Nach dem gelungenen Konzert begingen Orchester, Festivalleitung, Botschafter:innen und die litauischen Kolleg:innen die Eröffnung des Festivals und den kulturellen Austausch mit einem mannigfaltigen Apéro (Haben Sie schon einmal Ziegenkäse mit Blaubeeren auf Randen gegessen? Oder Garnelen in Honig auf Wakame-Salat und Frischkäse? Köstlich!). Im Foyer der Philharmonie, die übrigens sehr dem Foyer der Tonhalle St. Gallen gleicht, war die Stimmung ausgelassen. Und viele Musiker:innen zogen abends noch in Gruppen durch die Stadt, wo man sich zur grossen Überraschung und Freude aller doch wieder zusammenfand und die Feier des Abends sich bis weit in die Nacht erstreckte.

Der nächste Tag führte das Orchester in die Nähe von Kaunas, wo im nahegelegenen Kloster Pažaislis das Pažaislis Music Festival eröffnet wurde. Auf der Bühne vor einer der schönsten Barockkirchen des Landes fühlte sich das Orchester schon fast heimisch, erinnerte das Setting vor jener Kulisse doch sehr an die St.Galler Festspiele auf dem Klosterhof. Die Garderoben der Orchestermusiker:innen befanden sich (ein wenig improvisiert) hinter den alten Mauern der Klosteranlage in Räumen mit bunten Fresken und barockem Stuck. Fast verwunschen wirkte die Anlage mit ihren Innenhöfen, in denen die Musiker:innen vor dem Auftritt Ruhe finden und Kraft tanken konnten, während Schwalben durch den Klostergarten flogen.
Unter strahlendem Himmel – in Litauen wird es im Sommer später dunkel als in der Schweiz – und vor knapp 2000 Gästen fand das zweite Konzert der Tournee statt: Wie auch beim ersten Auftritt wurde das Orchester mit Standing Ovations bejubelt. Ganz besonderen Anklang fand auch diesmal die Kaffeehaus-Szene im Stück So klingt St. Gallen: Musik und Kaffee verbinden eben.
Auch abseits der Bühne wurde die Reise zu einem besonderen Erlebnis. Die freie Zeit nutzten die Musiker:innen, um Vilnius und die Umgebung gemeinsam zu erkunden oder Ausflüge mit den litauischen Kolleg:innen zu unternehmen. Dabei blieb viel Gelegenheit, das Land und seine Küche kennenzulernen: Dazu gehören etwa Šaltibarščiai, eine kalte Suppe aus roter Bete und Schmand (gerade im Sommer sehr zu empfehlen!), Cepelinai, gefüllte Kartoffelklösse in Zeppelinform, oder litauisches Bier. Auch die Stadt, in der zu dieser Jahreszeit an jeder Ecke Blumen blühen, wirkte so einladend wie ihre Bewohner:innen. Wie in vielen postsowjetischen Staaten ist auch das Stadtbild von Vilnius eindeutig von den geschichtlichen Ereignissen geprägt, die es durchlebt hat. Da stehen Bauten des sozialistischen Klassizismus neben barocken Kirchen, in deren Sichtweite wiederum moderne Glasgebäude stehen. Und am südlichen Ufer der Neris, die sich ruhig durch die Stadt schlängelt, liegt die Altstadt: eine der besterhaltenen mittelalterlichen Stadtteile Europas und Unesco-Weltkulturerbe.
Nicht nur (aber auch) wegen der pittoresken Altstadt gestalteten sich die gemeinsamen Abende besonders schön: Was tagsüber beim Proben und Musizieren begonnen hatte, wurde bei gemeinsamen Essen, Gesprächen und Spaziergängen weitergeführt. So entstanden auch abseits des Konzertsaals Begegnungen und Freundschaften – und natürlich durfte die eine oder andere spontane Tanzeinlage nicht fehlen. Gerade diese gemeinsamen Momente machten die Reise neben den beiden erfolgreichen Konzerten zu einem besonderen Erlebnis.
Montags, inmitten der Nacht, musste das Orchester von Litauen Abschied nehmen. Um 02:45 fuhr der Bus zum Flughafen. Dort angekommen, erreichte die Musiker:innen die Hiobsbotschaft: Wegen eines Vorfalls an der litauisch-belarussischen Grenze war der litauische Flugraum kurzzeitig gesperrt worden, der Flug in die Heimat verzögerte sich so um mehrere Stunden. Die Wartezeit im Terminal vertrieb man sich mit Lesen, Reden oder Schlafen, während um vier Uhr morgens bereits die ersten Sonnenstrahlen am Horizont auftauchten. Der Rückflug war auch in der Kabine bedeutend ruhiger als der Hinflug: Das Orchester schlief, während die Maschine durch einen fast wolkenlosen Himmel über Europa flog.

Die meisten Musiker:innen sind aus beruflichen Gründen viel gereist; nur schon im Sinfonieorchester St.Gallen begegnen sich Menschen aus über 20 Nationen. Das erfordert alltägliche Verständigung und Vertrauen. Und dennoch sind Tourneen Reisen der besonderen Art, schaffen nicht nur Erinnerungen, sondern bauen Brücken zwischen Ländern und Kulturen, Musiker:innen und ihrem Publikum. Und Brücken, ob musikalischer, diplomatischer oder freundschaftlicher Natur, sind notwendig, um eine gute Zukunft zu gestalten.
Möglich gemacht haben das in unserem Fall mit ihrer grosszügigen Unterstützung die Schweizer Kulturstiftung Pro Helvetia und der Freundeskreis des Sinfonieorchesters St.Gallen, bei denen wir uns herzlich bedanken. Auch den Veranstaltern des Vilnius Festival gebührt für die Einladung und die Gastfreundschaft unser herzlichster Dank.

Und so sagt das Sinfonieorchester St.Gallen:
Danke und auf Wiedersehen – Ačiū ir iki pasimatymo!