Das Unbewusste eines Stücks

In der Inszenierung von Barbara-David Brüesch von Friedrich Dürrenmatts Stück Der Besuch der alten Dame tritt die Hauptfigur in zweifacher Gestalt auf. Einmal als alte Dame, einmal als junge Frau. Mit ihrer Rückkehr nach Güllen begegnet Claire Zachanassian einer Vergangenheit, der sie nicht entkommen kann. Und nicht nur sie.
Dreissig Zeilen. Dreissig Zeilen von etwa 4000. So viel widmet Friedrich Dürrenmatt im Besuch der alten Dame jener Zeit, in der sich Claire Zachanassians Schicksal entschied. Als junger Mensch wird die Frau, die später die alte Dame sein wird, schwanger. Ihre Jugendliebe Alfred Ill ist der Vater, bestreitet das aber und gewinnt den Vaterschaftsprozess, weil er Zeugen kauft. Ein Fehlurteil. Diesem Unrecht will die alte Dame entgegentreten, als sie Jahrzehnte später in ihre Heimatstadt Güllen zurückkehrt und dort eine Milliardenbelohnung in Aussicht stellt. Durch Heirat ist sie zu Geld gekommen. Doch wie aus der unglücklichen Klara Wäscher die mächtige Claire Zachanassian wurde und was mit ihrem Kind geschehen ist, das schildert Dürrenmatt nur in wenigen Worten – in dreissig Zeilen.
Foto: Jos Schmid
Dreissig Zeilen für ein ungeheuerliches Leben: Die christliche Fürsorge nimmt Klara Wäscher ihr Kind weg und bringt es bei «Leuten» unter, deren Namen die Mutter kaum kennt, wahrscheinlich eine Pflegefamilie, vielleicht ein Heim. Das Kind sieht sie nie wieder. Ein Jahr nur ist es auf der Welt, dann stirbt es an einer Hirnhautentzündung. Die Behörden setzen die Mutter mit einer lapidaren Karte davon in Kenntnis. Zu diesem Zeitpunkt hat Klara Wäscher Güllen längst verlassen. Sie ist im Zug nach Hamburg gereist, wo sie zur Prostituierten wird. Im Bordell lernt sie den «alten Zachanassian» kennen. Der Kunde wird zu ihrem Gatten, von dem sie einen neuen Namen und ein unermessliches Vermögen übernimmt.
Als Dürrenmatt den Besuch der alten Dame in den 1950er-Jahren schrieb, waren solche Biographien für Frauen nicht ganz unwahrscheinlich – die Hochzeit mit einem Milliardär ausgenommen. Uneheliche Mutterschaft war ein gesellschaftliches Stigma und die Trennung von Kind und Eltern durch die Behörden ist in der Schweiz eine seit Jahrhunderten vollzogene Praxis. Im 20. Jahrhundert wurde die Kindswegnahme im Zusammenhang mit der sogenannten «administrativen Versorgung» und den «fürsorgerischen Zwangsmassnahmen» oft auf uneheliche Kinder oder Kinder von Müttern angewendet, denen eine anstössige Lebensführung vorgeworfen wurde. Erst in den letzten Jahren setzte in der Öffentlichkeit eine kritische Auseinandersetzung mit dem Sachverhalt ein.

Exemplarisch dafür steht das Leben der Menschenrechtsaktivistin Ursula Biondi, die in den 1960er-Jahren, ohne eine Straftat begangen zu haben, als unverheiratete Mutter inhaftiert und von ihrem Kind getrennt wurde. Tatsächlich gab es in der Schweizer Literatur schon damals Autorinnen, die sich mit diesen Themen auseinandersetzten, und zwar, weil sie sie aus eigener Anschauung kannten. Die Westschweizerin Grisélidis Réal arbeitete in den 1960er-Jahren in Deutschland in einem Bordell. Sie wird verhaftet und schreibt im Gefängnis einen Gedichtband über ihr Leben als Prostituierte. Mariella Mehr erlebte die Trennung von Eltern und Kind zweimal, als Kind und als Mutter. Sie verarbeitete diese Erfahrung in Romanen. Im Besuch der alten Dame wird ein solches Leben auf dreissig Zeilen erzählt. Als sei es eine Selbstverständlichkeit, von der man nicht viel wissen möchte.

Natürlich, Textmenge ist keine Messgrösse für dramatisches Gewicht. Wichtig sind die Folgen, die ein Tatbestand für das Handeln und Empfinden der Figuren hat. Was Claire Zachanassian als alte Dame tut, fühlt und sagt, hat seinen Grund in Alfred Ills Verrat und dem, was daraus entstand. Ihr ganzes Leben fliesst in den Moment ein, in dem sie Güllen wieder betritt. Kein Zug nach Hamburg konnte diese Verbindung kappen: «Das Leben ging weiter, aber ich habe nichts vergessen.»

Nicht vergessen, und doch ist dieses Leben in Dürrenmatts Stück nur latent präsent, als wäre es in ein dramaturgisches Unbewusstes versunken. Dorthin, wo Konflikte, Wünsche und Verletzungen verborgen liegen, die nicht vom Bühnenlicht des Bewusstseins, nicht von der Aufmerksamkeit des Autors erfasst worden sind. Das eröffnet Möglichkeiten für eine Inszenierung. Bilder können erzählen, was der Text verschweigt. Aus dem Unbewussten steigen sie auf wie Träume oder Erinnerungen, von denen man nicht weiss, woher sie eigentlich kommen. Mit ihrer Ankunft in Güllen begegnet Claire Zachanassian sich selbst und ihrer eigenen Vergangenheit wieder – und mit ihr das Publikum. Es ist auch seine eigene unabgeschlossene Vergangenheit, es ist die einer ganzen Gesellschaft.