Martina Clavadetscher

Martina Clavadetscher geht es selten um spektakuläre Ereignisse. Zwar schreibt sie oft über Macht und ihre Auswirkungen, über Gewalt in der Politik, in der Gesellschaft und in der Geschichte. Aber es ist eine Gewalt, die sich schleichend in Körper, Sprache und Denken manifestiert. Ihre Romane und Theaterstücke thematisieren die Weitergabe von Verantwortung, Schuld und die Wirkung von Geschichte auf die Gegenwart, nicht nur aus der grossen historischen Perspektive sondern vor allem im lebensweltlichen Mikrokosmos. «In unzähligen kleinen, zögerlichen, ja geradezu nichtig erscheinenden Momenten» – und keiner vermutet Schlimmes. (Die Schrecken des Bösen)
Clavadetscher stellt Fragen: Wer darf sprechen? Wer wird gehört? Wo hört Sprache auf?
Innerhalb dieses Fragemusters wissen ihre Figuren nicht, was sie sagen sollen, korrigieren sich, sagen nichts oder zu viel. Sprache ist für sie nie neutral. Sie ist ein Ort, an dem Macht entweder ausgeübt oder untergraben wird.
Zum Beispiel in der Erziehung. Ada in Frau Ada denkt Unerhörtes darf denken, aber nur innerhalb enger Grenzen. Immer wieder wird ihr Körper reglementiert, indem sie unter anderem still daliegen muss. Denken ist nur erlaubt, solange es sich in Mathematik übersetzen lässt, Fantasie dagegen gilt als Gefahr.
Die Figuren machen nicht wirklich ihr eigenes Ding. Sie werden von grossen Institutionen, Ideologien oder historischen Erzählungen unter Druck gesetzt. Sie zeigen, wie sehr persönliche Erfahrungen mit strukturellen Bedingungen verbunden sind.
In Zinnober erscheinen weibliche Figuren wie Candida oder die Mutter als zentrale Trägerinnen von Wissen, Intuition und Erfindungskraft. Gleichzeitig werden sie jedoch systematisch enteignet. Ihre Fähigkeiten werden begehrt, kontrolliert und in funktionale Bahnen gelenkt. Weibliche Subjektivität ist hier nicht autonom, sondern an Bedingungen der Verwertbarkeit geknüpft und ihr Dasein wird geduldet, solange es von Nutzen für die Gesellschaft ist.
Clavadetschers Schreiben gibt keine einfachen Antworten. Es sucht keine Lösungen, sondern zeigt Zusammenhänge auf. Ihre Texte fordern die Leser:innen, Widersprüche auszuhalten und Fragen zu stellen.