Digitale Isolation im Iran

Das Familienstück Das Mondmädchen, nach dem gleichnamigen Kinderbuch der deutsch-iranischen Autorin Mehrnousch Zaeri-Esfahani, erzählt aus der Perspektive eines Kindes die Geschichte einer geglückten Flucht vor einem repressiven Regime. Einfühlsam und poetisch gelingt es der Autorin, eine politische und gesellschaftliche Realität greifbar zu machen – für Kinder, Jugendliche und Erwachsene gleichermassen.

Gerade in diesen Tagen erhält die Geschichte eine erschütternde Aktualität. Seit Wochen protestieren Menschen im Iran gegen das Mullah-Regime – mutig, laut und mit der Sehnsucht nach Freiheit. Die Antwort des Regimes ist brutal: Gewalt, Verhaftungen, Unterdrückung. Viele Menschen sind eingeschlossen, können das Land nicht verlassen. Durch den nahezu vollständigen Internet-Shutdown wird ihnen selbst der Kontakt zu ihren Familien und Freunden im Ausland unmöglich gemacht.
In Gedanken sind wir bei allen, die in diesen Stunden für ihre Freiheit kämpfen – bei jenen, die ihr Leben riskieren, um Hoffnung und Veränderung Wirklichkeit werden zu lassen.

Eine neue Form der Freiheitsberaubung

Schauspielerin Atina Tabé, die im Mondmädchen die Mutter spielt und selbst als Kind mit ihren Eltern aus dem Iran flüchtete, teilt ihre Empfindungen angesichts der aktuellen Ereignissse:

Die Menschen im Iran müssen derzeit die fürchterliche Brutalität des Regimes ertragen. Mit der Sperrung des Internetzugangs nimmt die Führung ihnen auch noch gezielt die Möglichkeit, mit ihren auf der ganzen Welt verstreuten Familien in Verbindung zu bleiben und der Weltgemeinschaft das wahre Ausmass der Repressionen zu zeigen.
Smartphones: Wir bezahlen damit, kaufen Zugtickets und tauschen uns aus. Längst sind sie unverzichtbar. Wann haben Sie zuletzt einen ganzen Tag auf Ihr Handy verzichtet? Wann haben Sie Ihre Eltern oder Ihre Kinder eine Woche lang nicht erreichen können – auch nicht die Nachbarin, die mal bei der betagten Mutter vorbeischauen könnte?

Wir Exil-Iranerinnen und -Iraner wissen nicht, wie es unseren Familien geht. Wir wissen nicht, wer noch lebt und wer schon verhaftet wurde. Wir wissen nichts. Internet-Blackout, totale Isolation. Eine neue Form der Freiheitsberaubung.
Die Sozialen Medien haben in den letzten Jahren grosse politische Bewegungen ermöglicht. Videos von Gräueltaten, die sich im Internet verbreiten, lassen sich von den Tätern nicht mehr einfangen. Was aufgezeichnet wurde, bekommt einen Namen.
Und jetzt sterben Tausende, werden Menschen unterdrückt und gefoltert, ohne dass die Aussenwelt das ganze Ausmass davon erfährt.
Ich weiss nicht, ob ich in dieser Situation so mutig wäre wie die Schülerinnen, die heute aus voller Brust Parolen schreien, singen und tanzen. Für ihre Freiheit – im Angesicht des Todes.
Es ist unerträglich, wochenlang kein Lebenszeichen von seinen Liebsten im Iran zu erhalten. Doch eines Tages werden sie wieder Kontakt aufnehmen können mit uns. Und sie werden berichten, was das Regime ihnen angetan hat.

Atina Tabé