Fredu in Hasle-Rüegsau
Der Besuch der alten Dame ist ein Theatermonument. Doch sind Monumente nur zum Bewundern da? Oder leben sie davon, dass man sich daran erinnert, wofür sie eigentlich stehen? „In die Richtung eines Volksstücks“ solle man seinen Text inszenieren, sagte Friedrich Dürrenmatt. Zu heimelig wollte er es aber auch nicht haben.
So ganz traute Dürrenmatt der Sache nicht, als er im Kreuz in Hasle-Rüegsau ins Theater gehen sollte. Er schickte zuerst seine Schwester zur Aufführung der Emmentaler Liebhaberbühne, die sein Stück Der Besuch der alten Dame dort 1973 in Mundart zeigte. Die Amateure überzeugten den Schriftsteller, der ja selbst Emmentaler war: „Ich bin ein Dramatiker, dessen Stücke man sehr oft, aber sehr oft schlecht spielt, heute aber nicht“, gab Dürrenmatt nach der Aufführung zu Protokoll. Sein Werk sei kaum jemals natürlicher, mit mehr Hingabe und grösserem Respekt gespielt worden.
Massgeblich für das Gelingen war neben der Regie des ehemaligen Brecht-Schauspielers Hans Gaugler die berndeutsche Übersetzung des Dramaturgen und Radioredakteurs Rudolf Stalder. Dürrenmatt hatte Stalders Fassung höchstpersönlich autorisiert. Das sorgte für Kontroversen. Die Zürcher Germanistin und Kritikerin Elisabeth Brock-Sulzer bezeichnete die Mundart-Fassung als „Frechheit“. Doch das Publikum sah es anders. Es strömte von weit her zu den Aufführungen und das Schweizer Fernsehen nahm die Inszenierung sogar in sein Programm auf.
Dürrenmatt dachte im Dialekt, wenn er Hochdeutsch schrieb: „Ich schreibe ein Deutsch, das auf dem Boden des Berndeutschen gewachsen ist.“ Anlässlich einer Rede in Deutschland, die er auf Deutsch, aber mit starkem Schweizer Akzent hielt, soll er einmal aufgefordert worden sein, Hochdeutsch zu sprechen. „Ich kann nicht höher“, erwiderte Dürrenmatt. Helvetismen setzte er selbstbewusst ein und gegen seine Lektoren auch durch. Einmal sogar bis vor Gericht, als er die Redaktion des Stern verklagte, die zu stark in einen Vorabdruck eingegriffen hatte.
Doch zu heimelig wollte er es auch nicht haben. Dürrenmatt wohnte mit seiner Familie in Neuenburg. In Deutschland wolle er nicht leben, „weil die Leute dort die Sprache reden, die ich schreibe“, sagte Dürrenmatt. In der deutschen Schweiz wolle er nicht leben, „weil die Leute dort die Sprache reden, die ich auch rede. Ich lebe in der französischen Schweiz, weil die Leute hier weder die Sprache reden, die ich schreibe, noch jene, die ich rede.“ Sein Französisch bezeichnete er selbst als schlecht. Dürrenmatt suchte nach einem Hindernis, nach einer Distanz, die erst richtige Nähe ermöglichte: „Könnte ich Deutsch, würde ich Berndeutsch schreiben.“
Massgeblich für das Gelingen war neben der Regie des ehemaligen Brecht-Schauspielers Hans Gaugler die berndeutsche Übersetzung des Dramaturgen und Radioredakteurs Rudolf Stalder. Dürrenmatt hatte Stalders Fassung höchstpersönlich autorisiert. Das sorgte für Kontroversen. Die Zürcher Germanistin und Kritikerin Elisabeth Brock-Sulzer bezeichnete die Mundart-Fassung als „Frechheit“. Doch das Publikum sah es anders. Es strömte von weit her zu den Aufführungen und das Schweizer Fernsehen nahm die Inszenierung sogar in sein Programm auf.
Dürrenmatt dachte im Dialekt, wenn er Hochdeutsch schrieb: „Ich schreibe ein Deutsch, das auf dem Boden des Berndeutschen gewachsen ist.“ Anlässlich einer Rede in Deutschland, die er auf Deutsch, aber mit starkem Schweizer Akzent hielt, soll er einmal aufgefordert worden sein, Hochdeutsch zu sprechen. „Ich kann nicht höher“, erwiderte Dürrenmatt. Helvetismen setzte er selbstbewusst ein und gegen seine Lektoren auch durch. Einmal sogar bis vor Gericht, als er die Redaktion des Stern verklagte, die zu stark in einen Vorabdruck eingegriffen hatte.
Doch zu heimelig wollte er es auch nicht haben. Dürrenmatt wohnte mit seiner Familie in Neuenburg. In Deutschland wolle er nicht leben, „weil die Leute dort die Sprache reden, die ich schreibe“, sagte Dürrenmatt. In der deutschen Schweiz wolle er nicht leben, „weil die Leute dort die Sprache reden, die ich auch rede. Ich lebe in der französischen Schweiz, weil die Leute hier weder die Sprache reden, die ich schreibe, noch jene, die ich rede.“ Sein Französisch bezeichnete er selbst als schlecht. Dürrenmatt suchte nach einem Hindernis, nach einer Distanz, die erst richtige Nähe ermöglichte: „Könnte ich Deutsch, würde ich Berndeutsch schreiben.“
Es amüsierte ihn sehr, dass seine Kinder, mit denen er zu Hause Berndeutsch sprach, in einem Gespräch mit Max Frisch diesem Hochdeutsch antworteten, weil sie glaubten, sein Zürichdeutsch sei schon Deutsch. „Eine Pointe, die weder ein Deutscher noch ein Westschweizer versteht.“ Vielleicht kam ihm der Dialekt in der Inszenierung der Emmentaler Liebhaberbühne so natürlich vor: weil er als Theatersprache fremd klang. Sicher, Laienbühnen spielen oft im Dialekt, aber die Bühnensprache ist auch in der Schweiz Deutsch, und Dürrenmatt hatte sein Stück auf Deutsch geschrieben. Der Dialekt verfremdete den Text und holte ihn gleichzeitig näher zum Publikum.
1973 war Der Besuch der alten Dame bereits ein Erfolgsstück. Heute ist es ein Monument. Fast jedes Schweizer Kind kommt in der Schule damit in Berührung und für viele Erwachsene ist es der Inbegriff von Theater überhaupt. Wie tritt man am besten an ein Monument heran? Ist es nur zum Bewundern da? Oder soll man nach dem Leben suchen, das in ihm steckt? Dürrenmatt suchte immer nach dem Leben: „Die Sprache, die man redet, ist selbstverständlich. Die Sprache, die man schreibt, scheint selbstverständlich. In diesem ‚scheint‘ liegt die Arbeit des Schriftstellers verborgen.“
Diese Arbeit wollten wir uns auch machen. Deshalb haben wir beschlossen, einen neuen Versuch in Mundart zu wagen, um dem Monument seine Selbstverständlichkeit zurückzugeben. Nicht allein in Dürrenmatts Berndeutsch, sondern auch in den anderen Dialekten und Sprachvarianten, die wir sprechen, die in der Schweiz gesprochen werden. Dazu gehört ebenfalls das Hochdeutsch. Denn das ist das Selbstverständliche in unserem Ensemble und in unserem Land: Es gibt viele Mundarten – nichts ist selbstverständlicher als das, heute noch mehr als zu Dürrenmatts Zeiten.
Der Schriftsteller sei damals noch lange nach der Aufführung im Kreuz mit den Schauspieler:innen zusammengesessen, berichtete die anwesende Presse beeindruckt. Der Respekt war gegenseitig. Es muss ein denkwürdiger Abend gewesen sein, als Friedrich „Fredu“ Dürrenmatt in Hasle-Rüegsau seinen Besuch der alten Dame besuchte.
1973 war Der Besuch der alten Dame bereits ein Erfolgsstück. Heute ist es ein Monument. Fast jedes Schweizer Kind kommt in der Schule damit in Berührung und für viele Erwachsene ist es der Inbegriff von Theater überhaupt. Wie tritt man am besten an ein Monument heran? Ist es nur zum Bewundern da? Oder soll man nach dem Leben suchen, das in ihm steckt? Dürrenmatt suchte immer nach dem Leben: „Die Sprache, die man redet, ist selbstverständlich. Die Sprache, die man schreibt, scheint selbstverständlich. In diesem ‚scheint‘ liegt die Arbeit des Schriftstellers verborgen.“
Diese Arbeit wollten wir uns auch machen. Deshalb haben wir beschlossen, einen neuen Versuch in Mundart zu wagen, um dem Monument seine Selbstverständlichkeit zurückzugeben. Nicht allein in Dürrenmatts Berndeutsch, sondern auch in den anderen Dialekten und Sprachvarianten, die wir sprechen, die in der Schweiz gesprochen werden. Dazu gehört ebenfalls das Hochdeutsch. Denn das ist das Selbstverständliche in unserem Ensemble und in unserem Land: Es gibt viele Mundarten – nichts ist selbstverständlicher als das, heute noch mehr als zu Dürrenmatts Zeiten.
Der Schriftsteller sei damals noch lange nach der Aufführung im Kreuz mit den Schauspieler:innen zusammengesessen, berichtete die anwesende Presse beeindruckt. Der Respekt war gegenseitig. Es muss ein denkwürdiger Abend gewesen sein, als Friedrich „Fredu“ Dürrenmatt in Hasle-Rüegsau seinen Besuch der alten Dame besuchte.