Hair: Weiss und apolitsch?

Interview mit Ivy Quainoo

"Ich finde, sich vor der Politik zu verschliessen, ist ein Privileg, weil man in einer Position ist, wo, egal wie die Politik laufen würde, das eigene Leben sich nicht ändern würde." Ivy Quainoo
Ivy Quainoo als Dionne und Zakaria Fleury als Crissy in Hair
Barbara Tacchini: Neben Vietnamkrieg, freier Sexualität und Umweltverschmutzung spielt im Musical Hair auch die Anklage der Apartheid eine Rolle. Wie stark sind die Anliegen der Black Community aus deiner Sicht in Hair repräsentiert?

Ivy Quainoo: Wir haben im Probenprozess viel diskutiert. In der gemeinsamen Recherche mit dem Regisseur Krystian Lada wurde einmal mehr klar, wie weiss und auch tendenziell apolitisch diese Hippie-Bewegung war, und wie all diese Bewegungen parallel zueinander gelaufen sind, aber nicht wirklich miteinander. Hair versucht zumindest, das alles irgendwie zu verbinden, aber die Frage ist, ob und wie man das überhaupt verbinden kann.

BT: Wie beantwortest du selbst diese Frage? Ist die Verbindung gelungen?

IQ: Ich glaube, dass es ein Suchen bleibt. «Gelungen» wäre ein zu grosses Wort, es würde heissen, dass man die Geschichte umschreibt. Ich denke aber, dass in dem Kontext, in dem Hair passiert und in der Story, die wir erzählen, ein Miteinander von People of Color und weissen Menschen entsteht. Aber wenn wir von Protestbewegungen sprechen, dann ist da natürlich nicht so viel zu sehen.
Der Fokus des Musicals liegt und konsequenterweise auch der Inszenierung von Krystian liegt ja auch auf dem Vietnamkrieg, auf Claudes Auseinandersetzung damit.

BT: Befürwortest du das?

IQ: Ich persönlich mag die Inszenierung, und dass der Fokus auf Claude ist. Denn ich finde es schwierig, all den parallelen Themen, die in Hair angesprochen werden, gerecht zu werden und sie in zwei Stunden reinzukloppen. Wenn es einen roten Faden gibt durch Claude und seine Geschichte, ist es einfacher zu erzählen.

BT: Die Hippie-Bewegung ist weiss, die Hauptfiguren Berger, Claude und Sheila in Hair ebenfalls. Hättest du dir eine andere Besetzung gewünscht?

IQ: Ich weiss, dass es Inszenierungen von Hair gibt, in denen Sheila nicht weiss besetzt ist. Ich glaube aber, wenn wir geschichtstreu sein wollen, dann bleibt nichts anderes übrig, als Sheila weiss zu besetzen. Klar gab es auch schwarze Studentenbewegungen, aber da ging es um Politik gegen Rassismus und Krieg. Sheila aber verbindet die beiden Welten, die Antikriegsbewegung und die Flowerpower-Freie-Liebe-Bewegung, da ist es historisch konsequent, dass sie weiss ist.


Hair Ensemble, im Hintergrund Video mit Martin Luther King
BT: Im Song Colored Spade zählt die Figur Hud, selbst Schwarz, auf ironisch-provokative Art alle möglichen Klischees von Berufen auf, die – diskriminierend - Schwarzen zugeordnet werden. Du singst diesen Song im Ensemble mit. Wie ist das für dich?

IQ: Mir persönlich macht es nicht viel aus, weil der Kontext hier unter Schwarzen ist. Klar sind unsere weissen Kolleg:innen auch mit auf der Bühne, aber es ist ganz klar eine Sache, die wir unter uns aufarbeiten und über die wir uns zusammen lustig machen, weil wir wissen, wie es ist. Wenn ich an mein eigenes Leben denke, dann mache ich auch manchmal Jokes, die ich in einem weissen Kontext weder machen noch dulden würde. Das ist dann dieses «Reclaiming of words», die Rückeroberung von Dingen, die einem hingeworfen wurden.

BT: Und wie geht ihr mit dem N*-Wort um, das ja in Hair mehrfach vorkommt?

IQ: Wir hatten eine Diskussion darüber und haben verabredet, dass nur die Schwarzen Cast-Mitglieder das N-Wort aussprechen. Das ist für mich wichtig. Wäre es anders gegangen, dann hätte ich ein Problem damit gehabt. Wir sprachen auch über Alan Ginsberg, aus dessen Antikriegsgedicht Wichita Wortex Sutra die Autoren von Hair mehrfach zitieren. Er war ja für das explizite Aussprechen von rassistischen Begriffen, um einen Schock bei den Menschen und eine Selbstreflektion auszulösen. Ich verstehe seinen Ansatz, aber ich glaube nicht, dass er funktioniert. Es setzt voraus, dass alle Menschen eine Reflektiertheit besitzen. Und das ist leider nicht die Realität der Erde. Wenn man sich die USA jetzt anschaut oder auch damals, dann ist das, was sich Ginsberg erhofft hat, auch nicht eingetreten. Und wenn man die rassistischen Begriffe reproduziert, dann ist die Message nicht unbedingt, ah, ich sollte es nicht mehr sagen, sondern ah ja, ich kann das ja sagen. Und das soll nicht geschehen. Deshalb bin ich glücklich, dass wir uns so entschieden haben.
Maciej Pawlak als Claude Bukowski und Ivy Quainoo als Dionne in Hair
BT: Martin Luther King hat sich ja ziemlich kritisch über die Hippies geäussert, sie als selbstbezogene junge Menschen gesehen, die keine Veränderung, sondern Flucht suchen. «I don't care about politics, I'm interested in people». So hat der weisse Sänger Bob Dylan, der sich zwar stark mit den Anliegen der Black Community identifiziert hat, seine «apolitische» Haltung geradezu zelebriert: Ist genau das eine Quintessenz der Hippie-Bewegung?

IQ: Ich glaube, wenn man sagt, für mich zählt nur der Mensch und man tritt nicht in Aktion, dann entscheidet man sich dafür, passiv zu bleiben. Auf viele Hippies mag das zutreffen. So schätze ich allerdings Bob Dylan nicht ein. Egal, wie er es nennen will, es ist trotzdem politisch. Denn wenn dich der Mensch wirklich kümmert, wenn du willst, dass alle Menschen frei sind, dann ist das immer ein politischer Akt, egal wie wenig du mit Politik zu tun haben willst. Ich glaube, dass viele Leute das nicht verstehen oder nicht wissen. Ich finde, sich vor der Politik zu verschliessen, ist ein Privileg, weil man in einer Position ist, wo, egal wie die Politik laufen würde, das eigene Leben sich nicht ändern würde. Aber das ändert nichts an der Tatsache, dass viele Akte in dieser Welt trotzdem politisch bleiben.
Ensemble in Hair