Inbegriff der Freundschaft

In diesen Wochen jährt sich der Tod des St.Galler Schriftstellers, Übersetzers und Dramaturgen Werner Johannes Guggenheim zum 80. Mal. Der kompromisslose Antifaschist arbeitete in einer turbulenten Zeit an unserem Theater.
Auch er hat es kommen sehen: Im Januar 1938, wenige Monate bevor die ersten deutschen Bomben auf Polen fielen, brachte Werner Johannes Guggenheim in Biel ein Theaterstück mit dem Titel Bomber für Japan auf die Bühne. Es handelt von einem Schweizer Waffenfabrikanten, dem das schlechte Gewissen kommt und der deshalb beschliesst, keine Waffen mehr an das kriegführende Japan verkaufen zu wollen: „Unser Land ist klein und es hat keine Macht als die sittliche.“ Die Verwandten und das Aktionariat sehen ihre Gewinne schwinden. Sie lassen den Mann für geisteskrank erklären. Moral ist für sie Wahnsinn. „Und niemand, der die Uraufführung oder eine andere von den vielen Inszenierungen der Saison 38/39 sah, zweifelte daran, dass Deutschland gemeint war, wo auf der Bühne Japan gesagt wurde“, schreibt der Literaturwissenschaftler Charles Linsmayer.

Das Stück traf einen Nerv. Es gab in der Schweiz viele, die nicht damit einverstanden waren, dass damals Wagenladung um Wagenladung Munition und Waffen nach Deutschland rollten. Bomber für Japan war Guggenheims erster grosser Erfolg. Mit seinem nächsten Stück Erziehung zum Menschen überschritt er die Grenzen des politisch Möglichen.

Das Stück rechnete dermassen unmissverständlich mit der nationalsozialistischen Rassenideologie und dem Antisemitismus ab, dass kein Schweizer Theater den Mut hatte, es auf den Spielplan zu setzen. Erziehung zum Menschen nannte die Dinge zu direkt beim Namen: „Was ist eine Gemeinschaft wert, die nur von der Feindschaft gegen andere lebt, von der Züchtung des Hasses gegen andere?“ Die in einem Schweizer Internat spielende Coming-of-Age-Geschichte entlarvte das disruptive Denken des Faschismus als das, was es war und noch immer ist: Lust an der Zerstörung und am Untergang. „Aus Missachtung und Vernichtung jener Werte, die wir für die höchsten halten, können nie noch höhere und grössere Werte erwachsen“, lässt Guggenheim eine seiner Figuren sagen. Das war zu viel für die Schweiz, in der es auch viele gab, die mit den Nazis liebäugelten oder sie mindestens nicht verärgern wollten.

Guggenheim arbeitete Erziehung zum Menschen zu einem Roman um, der 1940 erschien. Das Stück konnte erst am 1944 erstmals gezeigt werden – in St.Gallen, damals noch im alten Haus am Bohl, und mit Trudi Gerster in einer kleineren Rolle. Erziehung zum Menschen brachte es auf 19 Aufführungen, wurde in Bern, Luzern und Zürich nachgespielt und war damit der Schweizer Theaterhit der Saison. Die Uraufführung in St.Gallen muss für Guggenheim eine Genugtuung gewesen sein. Eine Versöhnung hingegen war es nicht. Dafür war zu viel vorgefallen.

Guggenheim kam 1895 als Sohn eines Spitzenfabrikanten in St.Gallen zur Welt. Er promovierte in Germanistik, ging nach Berlin, um dort Theaterwissenschaft zu studieren, heiratete die Schauspielerin und Schriftstellerin Ursula von Wiese und arbeitete am Braunschweigischen Landestheater als Dramaturg und Spielleiter. Nach seiner Rückkehr übte er in St.Gallen die gleiche Funktion aus. 1931 entbrannte am Theater St.Gallen ein Machtkampf, als der Direktorenposten neu besetzt werden sollte. Auf der einen Seite standen Guggenheim und der Regisseur Johannes Steiner, auf der anderen Theo Modes, der zwischen 1919 und 1923 schon einmal Theaterdirektor in St.Gallen gewesen war. Steiner und Guggenheim hatten mit der „Volksstimme“ und dem „St.Galler Tagblatt“ die Unterstützung der linken und der liberalen Presse, doch das Theaterkomitee entschied sich für Modes.
Die Entscheidung zwischen Modes und Steiner/Guggenheim war national geprägt. Guggenheim machte sich für ein von Schweizer Stücken geprägtes Programm stark, der gebürtige Tscheche Modes wollte explizit ein „deutsches Theater“ führen. „Die Idee eines schweizerischen Theaters ist überhaupt eine Lächerlichkeit“, sagte er. Aber es gab auch noch eine andere Bruchlinie. Mit dem jüdischen Guggenheim hätte das Theater St.Gallen vielleicht die Chance gehabt, zu einer Bühne zu werden, die sich dem politischen Widerstand verpflichtet und offen für vom Nazi-Regime verfolgte Künstler:innen gewesen wäre. Ähnlich wie es das Zürcher Schauspielhaus unter der Leitung von Oskar Wälterlin und Kurt Hirschfeld war.

Theo Modes hingegen war ein „Hakenkreuzler“. Stritt er eine politische Orientierung anfangs noch ab, zeigte sich seine Affinität zu den Nazis mit der Zeit immer deutlicher. Als er sich 1938 vom Regime instrumentalisieren liess und die Schillerfestspiele im von den Deutschen beanspruchten tschechischen Sudetenland leitete, machte er sich in St.Gallen unmöglich und musste demissionieren. Kurz darauf trat Modes der NSDAP bei. Guggenheim war da längst nicht mehr am Theater St.Gallen beschäftigt. Der politische Konflikt zwischen ihm und Modes war bereits 1933 eskaliert. Modes hatte Guggenheim entlassen. Er könne an seinem Theater keinen Juden beschäftigen, soll Modes damals gesagt haben. Ursula von Wiese beschrieb in ihren Memoiren die Situation ihres Mannes so: „Nachdem er vergeblich versucht hatte, sich gegen diese Kündigung zu wehren, verliess er St.Gallen tief verletzt, und er betrat seine geliebte Heimatstadt nie wieder. (…) Er wurde das Opfer des sinnlosen Hasses, der sich in diesen Jahren von Deutschland her über die Welt ergoss, und dem er wie viele andere seiner Abstammung wegen ausgesetzt war.“ Der Historiker Peter Stahlberger hat die Verhältnisse am Theater St.Gallen in dieser Zeit kürzlich fundiert nachgezeichnet.

Guggenheim fand an keiner Bühne mehr eine existenzsichernde Stelle, was zur Folge hatte, dass seine Familie ständig mit finanziellen Problemen zu kämpfen hatte. Ohne die Arbeit von Ursula von Wiese hätte sie sich nicht über Wasser halten können. Die Guggenheims zogen ins Tessin, wo das Leben noch günstiger war. Dort arbeitete Guggenheim als Übersetzer, hauptsächlich von Charles Ferdinand Ramuz. Er war gezwungen, „seine Arbeitskraft in pausenloser Zeilenschinderei vorschnell zu verbrauchen“, schreibt Charles Linsmayer.

„Jingo“, wie Guggenheim von seinen Freunden genannt wurde, setzte sich unermüdlich für die Berücksichtigung Schweizer Dramatiker:innen ein. Zu diesem Zweck gründete er sogar eine „Schweizerische Volksbühne“. Doch die Wanderbühne war finanziell nicht tragbar und existierte nur eine Spielzeit lang. Zu dem Ensemble gehörte unter anderem Margrit Rainer, die später zu einer der grossen Volksschauspielerinnen der Schweiz werden sollte. Guggenheim war zudem fünfzehn Jahre lang Präsident der „Gesellschaft Schweizer Dramatiker“, die er selbst mit ins Leben gerufen hatte. Für sein eigenes, zwölf Dramen umfassendes Oeuvre erhielt er 1946 den Preis der Schweizerischen Schillerstiftung.

Guggenheims selbstloses Engagement galt auch vielen hilfesuchenden Emigrant:innen, unter ihnen der österreichische Schriftsteller Fritz Hochwälder, der 1938 die Schweiz erreichte, nachdem er den Rhein durchschwommen hatte. Dank Guggenheim erhielt er eine Aufenthalts- und Arbeitsbewilligung. Der St.Galler Guggenheim war für den Wiener Hochwälder bis zuletzt „der Inbegriff der Freundschaft“.

Nach dem Krieg lebte Guggenheim mit seiner Familie in Bern, unweit eines anderen fast Vergessenen der Schweizer Literatur, Carl Albert Loosli. Zuletzt schrieb er an einem Stück über den Umgang der Schweiz mit den Verbrechen des Nationalsozialismus. Doch „Stunde der Entscheidung“ sollte für immer unvollendet bleiben. Am 25. Mai 1946 wurde Werner Johannes Guggenheim, erst 51-jährig, aus der Arbeit und aus dem Leben gerissen.