Von Königstöchtern und Grabkammern: Ben Baur über Aida

Für Regisseur und Bühnenbildner Ben Baur ist Aida ein «Nachtstück». Im Gespräch mit der Dramaturgin Barbara Tacchini verrät er, warum.

Barbara Tacchini: Aida ist eine Oper der Extreme zwischen musikalischem Pomp und kammerspielartiger Intimität. Wo setzt du den Fokus in deiner Inszenierung?

Ben Baur: Wir arbeiten an einer eher intimen Lesart und versuchen, auch in den monumentalen Szenen den Fokus auf die Figuren nicht zu verlieren. Als Team interessiert uns, diese großen, oft statischen Tableaus aus der persönlichen Perspektive der Figuren heraus zu lesen. Wir haben eine Möglichkeit gefunden, den Realismus der Szenen mit einer atmosphärischen Verdichtung anzureichern. Es fällt mir schwer, das Stück rein narrativ zu betrachten, denn die Musik hat etwas Entrücktes und spricht einen unmittelbar auf emotionaler Ebene an. Dafür möchte ich auf der Bühne eine Entsprechung finden.

Barbara Tacchini: Es gibt die Meinung, Verdi habe den Triumphmarsch als Zeitkritik komponiert – als ein Auffahren von Staatsmacht und Götzenbildern, als äussere Hülle.

Ben Baur: Ja, es gibt Briefe von Verdi, die klar darauf schliessen lassen, dass er dem Kriegs- und Religionsglauben seiner Zeit mit dem grossen Finale des zweiten Akts einen Spiegel vorhalten wollte. In der Rezeption der Oper ist dieser Aspekt jedoch oft in den Hintergrund getreten. Wir setzen deshalb auf ein starkes Bild: Der König und Amneris feiern die siegreiche Rückkehr von Radamès nicht mit Gleichgesinnten, sondern in den untersten Katakomben ihres Palastes. Gefangene und Geiseln müssen den Triumph preisen, dessen Opfer sie zugleich sind. Das erzeugt eine beinahe pathologische Schärfe und hinterlässt für mich ein klares Bild: Der Triumph der einen ist das endlose Grauen der vielen anderen.

Barbara Tacchini: Aida wurde als Auftragswerk für Ägypten komponiert und traf den Nerv der Zeit. Memphis und Theben werden als Schauplätze genannt. Inwiefern verpflichtet dich das als Bühnenbildner?

Ben Baur: Ganz klar: Der „Mythos Ägypten“ prägt seit der Uraufführung die Faszination für Aida und kann bis heute ganze Arenen füllen. Für mich ist das jedoch nicht die eigentliche Essenz des Stücks. Wir haben nach einer Atmosphäre gesucht, die dem opulenten musikalischen Duktus entspricht und zugleich Raum für intime Szenen lässt: Ein Palast, ein Gefängnis und eine Grabkammer gehen fliessend ineinander über. Aida ist für mich ein Nachtstück. Dunkel ist die Gruft, in der Radamès lebendig begraben wird. Die Szene am Nil, in der der Chor aus weiter Ferne hinter der Bühne singt, spielt nachts. Die heimlichen Duette, die verborgenen Gedanken – all das hat für mich etwas Nächtliches. Nicht alles enträtselt sich sofort.
Barbara Tacchini: Es bleibt lange in der Schwebe, ob und was für eine Liebe zwischen Radamès und Aida überhaupt existiert.

Ben Baur: Diese Liebe ist schwer zu fassen und voller Fragezeichen, auch für mich. Radamès sucht zugleich kriegerischen Ruhm und eine individuelle, private Liebe. Aida hingegen bleibt zunächst distanziert und geht später fast fatalistisch in dem Spannungsfeld zwischen Radamès und ihrem Vater unter.

Barbara Tacchini: Aida äußert bereits in ihrer ersten Romanze den Wunsch zu sterben. Ist sie zu passiv?

Ben Baur: Über der ganzen Oper liegt dieser morbide Schatten, von dem ich gerade gesprochen habe. Aida wirkt anfangs vielleicht passiv: Sie hört vor allem zu, behält ihre Gedanken für sich. Gerade dadurch bleibt sie lange ein Geheimnis – und genau das zieht mich als Zuschauer in ihren Bann. Das verändert sich im Nil-Akt. Dort wird sie aktiver, ohne wirklich handlungsfähig zu sein. Beide Männer instrumentalisieren sie und trotzdem bleibt sie immer eine suchende Figur.

«Ich habe das Gefühl, dass Amneris später niemanden mehr wirklich an sich heranlässt. Sie verbarrikadiert sich in einer inneren Einsamkeit – ihrer ganz eigenen Grabkammer. Darüber möchte ich gemeinsam mit den Zuschauenden nachdenken.»
Ben Baur
Während Amneris, Radamès oder Amonasro von einer großen inneren Unruhe getrieben sind, besitzt Aida eine Art stille Erdung. Aus heutiger Sicht ist das vielleicht schwer nachzuvollziehen und führt unmittelbar zu der Frage, warum sie am Ende freiwillig den sicheren Weg in den Tod wählt. Für mich liegt darin die geheimnisvolle Verbindung von Schwäche und Stärke: Als Geisel in einem fremden Land, ohne Zukunftsperspektive, kann die grösste Stärke vielleicht nur darin bestehen, eine selbstbestimmte Entscheidung zu treffen.

Barbara Tacchini: Beide Frauen verraten Radamès. Doch anders als Aida, die sich vom Konflikt zwischen Vaterland, Vater und Geliebtem in den Tod treiben lässt, lebt Amneris weiter.

Ben Baur: Auch wenn die titelgebende Figur Aida ist, hat Amneris auf mich von Beginn an eine große Faszination ausgeübt. Ihre Entwicklung im Stück kennt extreme Ausschläge, und Verdi schreibt ihr die letzten Takte der Oper. Das hat mich aufmerksam gemacht: Spricht sie dort ein Gebet? Befiehlt sie Frieden? Ist sie klar bei Verstand oder hat sie ihn bereits verloren? Verdi erinnert uns daran: Amneris ist noch da. Sie ist die schuldige Überlebende. Oft wird sie sehr eindimensional als verzogene Intrigantin gezeigt. Uns interessierte aber die Frage, was mit einem Menschen geschieht, der Schuld auf sich lädt und später auf sein Leben zurückblicken muss. Dieser Gedanke von Schuld erscheint mir sehr modern und aktuell. Im Kleinen werden wir einander fast täglich auf die eine oder andere Weise schuldig. Aber wie gehen politische Entscheidungsträger mit sich selbst um, wenn sie später auf die vielen Menschenleben zurückblicken, für die sie Verantwortung getragen haben? Das erinnert mich an die grossen Königsdramen Shakespeares – nur dass wir es hier mit einer Königstochter zu tun haben.

Barbara Tacchini: Ihr vervielfältigt die Figur der Amneris, als Kind und als alte Frau?

Ben Baur: Wir blicken gemeinsam mit Amneris zurück und durchwandern mit ihr verschiedene fragmentierte Momente der Geschichte. Verdis Partitur arbeitet selbst stark mit Bildern und Tableaus, weniger durchkomponiert als seine späteren Werke. Wir spalten die Figur der Amneris auf: Sie beobachtet sich immer wieder selbst, und wir als Zuschauer nehmen an dieser inneren Reise teil. Mich interessiert, was in ihrer Kindheit passiert sein könnte. Sie ist in einem Patriarchat aufgewachsen, in dem sie ohne Mann scheinbar keinen Wert besitzt. Gibt es eine Erfahrung, eine zurückgewiesene Liebe vielleicht, die sie ein Leben lang mit sich trägt und später auf Radamès projiziert? Andere Szenen laden wir stark aus ihrer Perspektive auf. Daraus entsteht ein Panoptikum zwischen Hoffnung und Angst, Hybris und völliger Zerstörung. Ich habe das Gefühl, dass diese Figur später niemanden mehr wirklich an sich heranlässt. Sie verbarrikadiert sich in einer inneren Einsamkeit – ihrer ganz eigenen Grabkammer. Darüber möchte ich gemeinsam mit den Zuschauenden nachdenken.