Wie eine Sportmannschaft auf dem Weg zum Auswärtsspiel macht sich die Tanzkompanie St.Gallen auf ihre erste internationale Tournee. Neben persönlichen Koffern reisen auch die Instrumente unserer Musiker und die Kostüme mit. Das aufblasbare Bühnenbild von Echos ist bereits vorausgeschickt worden. Rund 24 Stunden Reise liegen vor uns.
Für einige Tänzer:innen ist es der erste Langstreckenflug, für andere die erste Reise nach Asien. Und für manche eine Rückkehr in die Heimat – verbunden mit der besonderen Gelegenheit, vor Familie und Freunden aufzutreten, die bisher nicht nach St.Gallen kommen konnten.
Ankommen in Aranya

Unser Ziel ist das Move To Move International Dance Festival in Aranya, einem Küstenort in China. Zwei Produktionen haben wir im Gepäck: Echos von Frank Fannar Pedersen und Javier Rodríguez Cobos mit Live-Musik von Christian und Till Zehnder sowie Promise von Sharon Eyal. Insgesamt stehen vier Vorstellungen in wenigen Tagen bevor.
Bevor sich der Vorhang hebt, beginnt jedoch der Teil einer Tournee, den das Publikum später kaum wahrnimmt. Transportkisten treffen ein, das grosse aufblasbare Bühnenbild von Echos muss an die neue Bühne angepasst werden, Licht und Ton werden eingerichtet.
Die Bühne ist deutlich kleiner als zu Hause in St.Gallen, die technische Einrichtungszeit knapp, die Zeitverschiebung noch in den Körpern. Für unsere Probenleitung und den Lichtdesigner sind es eng getaktete Tage. Für die Tänzer:innen gilt es, zwischen Spacing, Warm-up und Vorstellungen Kräfte zu sammeln.
Und zwischendurch? Ein Spaziergang an der Promenade, warmes Herbstwetter und neue kulinarische Entdeckungen – kleine Momente, in denen sich ein unbekannter Ort langsam erschliesst.

Wenn der Vorhang aufgeht

Am ersten Vorstellungsabend ist die Anspannung hoch. Aus unserer Perspektive ist die Vorstellung von kleinen Überraschungen und spontanen Improvisationsmomenten geprägt. Von aussen scheint davon wenig spürbar. Das Haus ist mit rund 90 Prozent nahezu ausgelastet. Die lautstarken Reaktionen des Publikums lassen die Anspannung schliesslich in Erleichterung und Freude übergehen.
Besonders spannend sind die Begegnungen mit dem chinesischen Publikum nach den Vorstellungen. In Gesprächen erzählen einige Zuschauer:innen, dass sie die Musik von Echos an traditionelle mongolische Gesänge erinnert. Eine überraschende und zugleich naheliegende Verbindung: Christian Zehnder beschäftigt sich seit vielen Jahren mit unterschiedlichen Gesangstechniken, darunter dem Obertongesang, und dem künstlerischen Dialog zwischen Jodel und anderen vokalen Traditionen.
Auch online finden sich eindrückliche Reaktionen. Eine Person, die Echos in Aranya gesehen hat, beschreibt die Musik als eine Kraft, die sie aus dem gegenwärtigen Chaos an den Anfang des Universums zurückführe. Besonders berührend ist ihre Beschreibung des körperlichen Erlebens: Unmerklich habe sie begonnen, mit den Tänzer:innen mitzuschwingen, bis sie sich selbst als Teil der gemeinsamen Bewegung empfand.
Solche Rückmeldungen eröffnen uns einen neuen Blick auf das eigene Stück. Was in St.Gallen entstanden ist, findet Tausende Kilometer entfernt einen eigenen Widerhall.
Nach der ersten Vorstellung verbringen wir die klare Vollmondnacht vor dem Theater. Familien und Freunde unserer Kompaniemitglieder haben Mondkuchen zum chinesischen Herbstfest mitgebracht. Nach der Anspannung des Abends ist es ein schöner Moment des Zusammenseins.

Begegnungen über die eigene Bühne hinaus

Move To Move bedeutet für uns aber nicht nur, selbst aufzutreten. Zwischen den eigenen Vorstellungen begegnen wir neben dem unglaublich unterstützendem Festival Team und den Gastegebern auch internationalen Künstler:innen und ihren unterschiedlichen Handschriften: der spanischen Kompanie Kor’sia auf der Open-Air-Bühne, dem Tanztheater von Hannes Langolf mit den Festivalgründern Meng-ke Wu und Ying Fang als Performer, der Verbindung von Jonglage und Tanztheater bei Gandini Juggling oder dem chinesischen Kollektiv Project 0 mit einer spielerischen, von Videospielen inspirierten Site-specific-Performance.

Bei NEXT PULSE stehen junge Choreograf:innen im Mittelpunkt. Frank Fannar Pedersen ist Teil der Jury; eine der ausgezeichneten Personen wird uns künftig für ein Praktikum in St.Gallen besuchen. So entstehen aus dieser Reise neue künstlerische Verbindungen, die weit über das Festival hinausreichen.
Am letzten Abend kommen bei der Closing Party alle auf der Tanzfläche zusammen. Die Musik pulsiert, es glitzert – und viel Zeit zum Abschiednehmen bleibt nicht. Um drei Uhr nachts sitzen wir bereits wieder im Bus zum Flughafen Beijing.
Fast 30 Stunden später sind wir zurück. Die Mitbringsel und ungewöhnlichen Snacks aus den Hotelzimmern sind kaum ausgepackt, da beginnen in St.Gallen bereits die Bühnenproben für From England with Love.

Die Tour ist schneller vorbei, als man schauen kann. Was bleibt, sind Bilder, Begegnungen und das Gefühl, dass die Entfernung zwischen St.Gallen und Aranya für einige Abende erstaunlich klein geworden ist.