Woyzeck, Pelicot, die Holländerinnen

Das Schauspiel von Konzert und Theater St.Gallen startet mit einem inhaltlichen Schwerpunkt in die neue Spielzeit. Drei Stücke setzen sich mit dem Thema der geschlechtsspezifischen Gewalt auseinander. Den Anfang macht Georg Büchners Dramenfragment Woyzeck.
November 1836, Spiegelgasse – damalige Steingasse – 12, Zürich: Der junge Schriftsteller und angehende Mediziner Georg Büchner hat in der Schweiz Asyl bekommen, für sechs Monate einstweilen: vorläufige Aufnahme. In seiner Heimat Hessen ist er als Republikaner ein Verfolgter. In der Schweiz hingegen: „Je mehr Ihr Euch Zürich nähert und gar am See hin, ein durchgreifender Wohlstand; Dörfer und Städtchen haben ein Aussehen, wovon man bei uns keinen Begriff hat. Und (…) man riskirt nicht von einer adligen Kutsche überfahren zu werden.“ Das schreibt er seinen Eltern. Sie sollen ihn besuchen kommen.

Seinem Bruder schreibt er: „Ich sitze am Tage mit dem Scalpell und die Nacht mit den Büchern.“ Büchner seziert Fische. Er interessiert sich für die Schädelnerven von Barben; ein wissenschaftliches Interesse – er hat seine Dissertation darüber geschrieben –, aber nicht nur: Büchner, der Schriftsteller, der Aktivist, der Grübler, will wissen, was es ist, „was in uns hurt, lügt, stiehlt und mordet“. Als Wissenschaftler zerlegt er Fische mit dem Messer, als Schriftsteller den Menschen mit Worten. Und wie jeder politisch denkende Mensch versucht er eine neue Antwort auf eine alte Frage zu finden: Bestimmt das Bewusstsein das Sein oder das Sein das Bewusstsein?

Büchner schreibt an Woyzeck. Die Geschichte über einen Mord an einer Frau hat einen wahren Hintergrund. Büchner kennt die Akten des Falls. In einem langen Gutachten hat das zuständige Gericht abklären lassen, ob der Täter, Johann Christian Woyzeck, zurechnungsfähig war, als er im Juni 1821 Johanna Christiane Woost ums Leben brachte. Büchners Blick richtet sich nach innen und nach aussen. Auch ausserhalb von uns ist etwas, das „hurt, lügt, stiehlt und mordet“. Wie man ein Tier sezieren kann, kann man auch die Gesellschaft sezieren. Und wird dabei Dinge finden, die einen schauern lassen.

Zeitsprung, fast 200 Jahre später: Gisèle Pelicot, ehemalige leitende Angestellte der französischen Elektrizitätsgesellschaft EDF und Tochter eines Soldaten, wie Büchners Woyzeck einer ist, entscheidet, dass der Vergewaltigungsprozess gegen ihren Ehemann und fünfzig Mitangeklagte öffentlich verhandelt werden soll. „Die Scham muss die Seite wechseln.“ Ein historischer Prozess; historisch auch durch die Masse an Angeklagten. Es ist, als stünde eine ganze Gesellschaft vor Gericht. Da ist sie wieder, die Bestie, die in uns und ausserhalb von uns lebt und uns zu ihresgleichen macht.
Gleiche Zeit, anderer Ort: In New York schreibt die Schweizer Schriftstellerin Dorothee Elmiger an einem Roman namens Die Holländerinnen. Er wird ein Jahr später erscheinen, das Publikum wird ihn massenhaft lesen. Die Ausgangslage: Zwei junge Frauen sind verschollen, ein Verbrechen ist nicht ausgeschlossen. Der Fall der Holländerinnen wird im Internet zum „True Crime“-Phänomen, ein Theatermacher inszeniert ein Reenactment der Geschichte. In der Maschinerie der Kulturindustrie dient das Verschwinden der Frauen der Unterhaltung. So schrecklich, so sexistisch war es schon bei Büchner: Tote Frauen sind gute Storys.

Aber warum wird dann so wenig darüber gesprochen? Tote Frauen sind keine Storys, sie sind Realität. Fast jede zweite Woche fällt in der Schweiz eine Frau einem Femizid zum Opfer. Fast jede Woche versucht ein Mann eine Frau zu töten, deren Partner oder Ex-Partner er ist oder zu deren Familie er gehört. Die politische Debatte darüber hat Ewigkeiten gebraucht, um überhaupt eine zu sein. Der Faszination für Geschichten, die in Femiziden enden, steht ein abgrundtiefes Desinteresse an real existierenden Femiziden gegenüber.

Woyzeck, Der Prozess Pelicot und Die Holländerinnen kommen in diesem Herbst in St.Gallen auf die Bühne. Das Schauspiel von Konzert und Theater St.Gallen setzt damit einen thematischen Schwerpunkt im Spielplan. Den Anfang macht ab dem 26. September 2026 Corinna von Rads Inszenierung von Woyzeck. Am 4. Oktober folgt Der Prozess Pelicot von Milo Rau und Servane Dècle, am 20. November die Schweizer Erstaufführung von Die Holländerinnen. Flankierend zur Trilogie findet am 3. Oktober zudem ein Talk zum Thema „Gewalt gegen Frauen“ in der Lokremise statt.

Im Januar 1837 ist Büchners Freude über die Schweiz verflogen. Er schreibt einen Brief an seine Verlobte Wilhelmine Jaeglé: „Es wird immer öder. So im Anfange ging’s: neue Umgebungen, Menschen, Verhältnisse, Beschäftigungen – aber jetzt … Das Beste ist, meine Phantasie ist thätig, und die mechanische Beschäftigung des Präparirens läßt ihr Raum. Ich sehe dich immer so halb durch zwischen Fischschwänzen, Froschzehen etc. O, ich werde jeden Tag poetischer.“ Dann, nur wenige Tage später: „Ich habe mich verkältet und im Bett gelegen. Aber jetzt ist’s besser.“ Nein, nichts ist besser. Büchner ist nicht erkältet. Wahrscheinlich ist er an Typhus erkrankt. In Zürich ist eine Epidemie ausgebrochen. Vielleicht hat er sich beim Sezieren seiner Fische angesteckt. Die Suche nach der Wahrheit fordert einen Preis. Im Februar 1837 stirbt Büchner, ohne Woyzeck zu Ende gebracht zu haben.